Ade - du mein schönster Wald
Er war ein Wunder, mein kleiner Zedern-Fichtenwald in Spanien, eine Kostbarkeit. Wenn ich an etwas Schönes denken wollte, dann dachte ich an ihn: voller Pilze auf Schritt und Tritt, hunderte von Flockenstieligen Hexenpilzen auf engstem Raum, dicht bei dicht der prächtige Zedern-Haarschleierling (C. herculeus), so weit das Auge reichte immer wieder neue Arten; Überraschungen, wohin man sich auch wendete. Von diesem Wald war ich so begeistert, dass ich das Foto im Vorspann meines Buches "1200 PILZE" brachte. Alle in diesem Buch enthaltenen Pilze aus Zedern-Fichtenwald stammen von dort.
Ich liebte diesen Wald, aber es war mir auch klar, dass er eines Tages abgeholzt werden würde, denn es war eine Anpflanzung für Nutzholz auf einer Privatparzelle. Ich dachte mit Trauer daran und hegte ganz im geheimen den Wunschgedanken, man könnte ihn vielleicht vergessen. Aber es kam dann viel schlimmer.
Auf dieser schicksalsträchtigen Pilzreise liess ich ihn mir für einen Sonntag. Es sollte ein besonderes Erlebnis werden, so etwa wie ein festlicher Kirchgang, denn er war mir schon ein Heiligtum, dieser traumhafte Pilzwald. Auf der Fahrt war ich voller Vorfreude und ging in Gedanken die Pilze durch, die ich in den vielen Jahren dort gefunden hatte, erinnerte mich der Arten, die im vergangenen Jahr neu dazugekommen waren und hoffte, auch heute wieder auf etwas Ungewöhnliches zu stossen. Ich parkte an der üblichen Stelle auf freiem Feld und ging das letzte Stück zu Fuss.
Beim Näherkommen sah ich, dass am Waldrand von Baum zu Baum ein weisses Plastikband gezogen worden war, und dann entdeckte ich einige, nein, viele Soldaten in Tarnanzügen, mit Kampfhelmen auf dem Kopf und jeder mit einer Schnellfeuerwaffe ausgerüstet am Boden liegen und herumkriechen. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Ausgerechnet hier Manöver! Ich stand wie gebannt. Aber nicht lange, denn auf einen kurzen Befehl wurde mit wüster Knallerei das Feuer eröffnet, und ich zog mich etwas zurück. Ich sah die Kugeln fliegen, denn sie schossen aufeinander.
Einer schrie auf und fasste sich an den Kopf. Ein anderer half ihm auf und brachte ihn aus der Gefahrenzone aufs Feld hinaus, wo man ihm schnell den Helm abnahm. Welch neuer Schreck! Ein hübsches Mädchengesicht kam darunter zum Vorschein, allerdings mit einer an der Schläfe pflaumengross hervorwachsenden Beule. Ich näherte mich und fragte, was hier eigentlich los sei, das wäre doch ein so wundervoller Pilzwald. "Das ist ja der Scheiss" beklagte sich der offensichtliche Sanitäter (wörtlich), "man weiss nicht, wo man hintreten soll vor lauter Pilzen, und wenn man nicht aufpasst, rutscht man darauf aus und fällt in den Matsch." Zaghaft nahm ich noch einmal Anlauf: "Aber das ist doch mein Wald, wo ich ...." ---- "Hier können Sie jetzt nicht mehr rein" unterbrach mich forsch das beschädigte Mädchen "wir schiessen zwar nur mit imitierten Waffen, aber es ist trotzdem gefährlich. Das ist hier jetzt ein Übungsplatz für Überlebenstraining."
Langsam und unendlich traurig trotte ich zum Auto zurück. Dort sass ich lange, den Kopf auf das Lenkrad gebettet, und dachte an all die zerstörte Schönheit dieses ganz besonderen Waldes, an den Verlust der vielen interessanten Pilze und der weiteren möglichen Arten in den kommenden Jahren. Ohne triftigen Grund. Oder war der Grund vielleicht triftig? Als ich bis hierher vorangedacht hatte, wurde ich mir plötzlich meiner tiefgreifend falschen Vorstellung von einem Überlebenstraining bewusst: ich hatte immer geglaubt, dazu gehören Übungen für das Überleben unter extremen Umständen, z.B. ungeschützt in der freien Landschaft mit Ernährung aus Wald und Flüssen, Kenntnisse über Unfallbehandlung und Selbshilfe bei Krankheiten, Übungen zur Beeinflussung der Psyche, auf dass auch sie der Gefahr gewachsen sei, und überhaupt eine gewisse Intelligenz, um in jedem möglichen Falle eine Überlebenschance zu haben. Welch ein Irrtum! Jetzt war ich in Kurzform darüber aufgeklärt worden, dass man auch dazu nichts weiter braucht als den Zeigefinger und ein Schnellfeuergewehr - und meinen schönsten Wald.
Ein bisschen tat mir auch das hübsche Mädchen leid: mit einem Loch im Kopf hätte es keine grosse Überlebenschance, da nützte all das Üben nichts.