Geschichte mit Biss
(Die ist natürlich frei erfunden, so etwas kann es ja gar nicht geben)
Ich denke einfach zu viel. Ich sollte das mal lassen. Man sieht ja, was dabei herauskommt. Die einen sagen vielleicht "recht hat sie, unsere Zeit ist ohne Moral und Charakter", die anderen "die sitzt ja hinterm Mond, so lebt man heute; es zählt das Geld, und dafür kann man sich alles kaufen".
Angefangen hat es mit dem Angebot im Internet ‘Festreden....Honorar nach individueller Absprache'. Oh, das schlug ein. Das schien Werbung vom Fachmann. Mein Nachdenken darüber versprach zu einem abendfüllenden Programm zu werden, und so war es dann auch. Um zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen und das moderne Preis/Leistungsverhältnis klar zu erkennen, ging ich das ganz gezielt und geordnet an. Zuerst ‘Festreden'. Klar, Festreden waren mir ein Begriff. Sie wurden gehalten aus Freundschaft einem Freund, aus Dank dem Lehrer und Meister, aus Anerkennung dem treuen Gefolgsmann, aus Liebe einem Mitmenschen, aus Ehrfurcht einem Aussergewöhnlichen, und waren gratis, hatten mit Gefühl zu tun, mit Anstand und Zuneigung, Bewunderung und immer mit Pietät.
Dann das ‘Honorar...nach individueller Absprache'. Also wurde das Thema vorher mit dem Ankäufer systematisch durchgegangen, ‘sagst Du das, zahl ich das', oder wie? Wie war das zum Einverständnis beider Parteien und zum gerechten individuellen Preis zu kalkulieren und zu detaillieren:
ging es um die zeitliche Länge des Vortrags, z. B. bei schneller Abfolge, bei gedehnter Sprache, mit eingelegten Pausen******
oder einfach nach Anzahl der Wörter ******
um die Qualität der Ausdrucksweise, z.B. mit eingeflochtenen wissenschaftlichen Ausdrücken, um einen gewissen Eindruck zu schinden (teurer, da ein akademischesWörterbuch notwendig ist)******
um den überzeugenden, um Echtheit bemühten Ausdruck des Redners, gelangweiltes Runterrasseln geht für den halben Preis******
um die zahlenmässige Nennung des Festberedeten******
musste der Redner vielleicht jemand honorieren, der ihm bei der Rede half******
und wie war es mit den Getränken, die die Vorarbeit kostete******
mussten Gewissensbisse vergütet werden, wenn man gegen Bezahlung unberechtigt Vorteilhaftes über den Käufer sagen sollte, oder gewöhnte man sich schnell an diese Art von Geschäft, wenn die Kasse klingelte?******
Da sassen nun die beiden zusammen, Festredenverkäufer und Festredenkäufer, und verhandelten und verhandelten, denn es gab unendlich vieles zu bereden, zu notieren, preislich festzuhalten, zu korrigieren und verbessern und schliesslich noch einige verblüffende Glanzlichter aufzusetzen. Dann kam das Feilschen um den Preis, was man feiner auch ‘individuelle Absprache' nennen kann, und bei Einigung konnte die Rede über die Bühne gehen.
Zu gerne hätte ich alles gewusst über dieses ‘Individuell', aber ich brauchte keine Festrede und konnte schlecht um einen Kostenvoranschlag bitten.
Zum Glück fand ich dann auf einer anderen Internetseite ein Modell dieser angebotenen Festreden, gehalten zum 25. Jubiläum einer angesehenen, bekannten mykologischen Arbeitsgruppe - interessant, interessant, und lang, lang (und breit). Der Festredner, ja bestens orientiert über die Unmenge genauer Daten, musste nun beim Ablesen nur sehr aufpassen, dass er auch immer die dazugehörigen Unternehmungen richtig damit zusammenfügte. Na, es hätte wohl auch keiner gemerkt, wenn es mal nicht so genau stimmte. Wer hatte das schon alles im Kopf. Und wer wollte das schon so präzisiert wissen, wann was stattgefunden hatte. Diese trocken aufgereihten Tatsachen umschmeichelte er mit gut geölten Ausdrücken (Aufpreis?), damit sie besser rutschten, aber es kann sein, dass jetzt schon die ersten Zuhörer aufs Klo gingen, denn das kannten sie ja alles (Nachlass für Frühabtreter?). Man hörte dann über den Stammtisch, beabsichtigte Geldbeschaffung auf höherer Ebene, Pilz- und Naturschutz, und immer, wenn es so passte, flocht der Redner aus dem Kreis der Prominenten einen Namen als seinen Freund oder väterlichen Freund mit ein (muss der Festredenkäufer die Selbstbeweihräucherung des Redners mitbezahlen, oder zahlt dieser etwas dafür drauf, dass er sich so gut zur Geltung bringen kann?). Ermüdend die ausufernde Abhandlung von Themen, Wiederholungen aus Presse und Literatur, die mit der Arbeitsgemeinschaft und ihrer Festlichkeit überhaupt nichts zu tun hatten. Dann kam er auf die Zeugungsfähigkeit des Hauptgeehrten dieses Tages zu sprechen und auf das ihm verliehene Bundesverdienstkreuz am Bande (dieses 'Zeugungsfähig' ist immer gut, kostete wohl eine Stange Geld, was?). Der bezahlte Vortragende, der dem Hauptgeehrten in keiner Weise das Wasser reichen kann, hielt ihn in geschnulzten Tönen sogar des Ehrendoktors für würdig. Peinlich, peinlich. War das ein Fehler im Konzept? Oder hoch bezahlt vom Käufer? Aber dann muss dieser ja mit Blindheit geschlagen sein, sich für solchen Vorschlag einen angeheuerten Festredner auszusuchen.
Wenn man diesen ganzen Vortrag durchgehalten und den grössten Teil trotz der pseudokompetenten Ausdrucksweise verstanden hat - einige Passagen sind sogar in der schriftlichen Form nicht zu verarbeiten - dann weiss man wenig Neues über die geehrte Arbeitsgemeinschaft, aber alles über den Redner, welche Positionen er bekleidet, an welchen Tagungen er teilgenommen hat, welche Verbesserungen er anregte, welche namhaften Personen er kennt und zu seinen Freunden zählt, und dass er sogar vor 25 Jahren Einblick in das Werk eines österreicherischen Schriftstellers bekam. Er sollte zwei Doktorhüte für sich beantragen, oder kaufen, vielleicht geht das heute auch schon. Nur - ein paar echt menschliche Gefühle, zwischen all den nüchternen Daten und Ziffern mit einfachen, warmen Worten zum Ausdruck gebracht, die fehlten völlig.
Na ja, was kann man für Geld schon verlangen. Vielleicht fühlten sich am Ende noch ein paar Mann zum Klatschen berufen, oder haben sie gemeutert? Ich war ja nicht dabei.
Während meines Berufslebens habe ich gelernt, alles in aller Einfachheit auf die kürzeste Form zu bringen, und so konnte ich zu diesem grossen, vielleicht mit gutem Geld vergüteten, zeitaufwendigen Vortrag nur sagen: komplexkompensierende Wichtigtuerei.
Da drängt sich mir - oh Schreck - der Gedanke auf: kann man denn heute einer Festrede noch trauen??? Ist denn das darin zum Ausdruck gebrachte wirklich wahr? Ist vielleicht die Festrede, die eine hoch betitelte Persönlichkeit dem Festredenverkäufer gehalten hatte, auch teuer erkauft gewesen? Und stimmte das darin Gesagte überhaupt? Und was passiert, wenn ein Widersacher einem eine Festrede kauft, die entsprechend seiner Bösartigkeit formuliert wird??? Nein, diese Gedanken will ich nicht zuende denken, und in so einer Zeit möchte ich auch nicht leben.
Bevor ich dieses aussführlich gedreht und gewendete Thema nun abschliesse, überlege ich gerade, ob ich die mir eigene Bescheidenheit nicht einfach einmal ablege und mir ganz clever auch so einen Festredner kaufe (bevor es ein anderer tut). I spoar a bisserl, schmeiss ihm ein paar Tausender in den Rachen, und dann muss er all mein erfolgreiches Wirken, meine vielen bekannten Bücher, meine Titel, Goldmedaillen und andere Auszeichnungen sowie auch meine Tüchtigkeit, das Leben zu meistern, eingehend und dem Preis angemessen beschreiben. Ganz unterschwellig könnte er meine aristokratischen Vorfahren erwähnen, und mit gespielter (und extra bezahlter) Bewunderung einflechten, dass ich mich mit der Inselregierung küsse (wie das hier unter Freunden üblich ist). Ha, da hätte ich was fürs Geld. Vielleicht muss ich noch einen Tausender drauflegen, aber das ist es mir dann wert.
Ich selbst weiss ja, dass ich eine tolle Frau bin, aber dann wüssten Sie es auch.