Verfrühter Sommer
Wiederholt fuhr ich nach einem Besuch in meiner Heimatstadt Lübeck wieder nach Hornberg, meiner Wahlheimat im Schwarzwald, fast eine Tagesreise mit dem Auto. Aus dem Norden kommend passiert man dann etwa am späten Nachmittag das links der Autobahn etwas versteckt liegende Baden-Baden. Dieses Baden-Baden! Grossartig. Vornehm. Exklusiv. Auch ich hatte dort schon dem Spiel gefrönt, im Brenners's diniert und auch Pilze gesucht und den Namen immer wie alle Leute mit der erhabenen Mimik ausgesprochen, die diesem Baden-Baden zukommt. Bis zum Tage X. Von da an liess ich Baden-Baden links liegen, wo es hingehört, unbeachtet und nicht in bester Erinnerung, denn in dieser Sache war ich nachtragend. Sie hat mich das Gesicht gekostet.
Es war ein schöner sonniger Tag im März. Ich kam wieder einmal vom Norden herunter, war schon etwas reisemüde und sah kurz vor der Autobahnausfahrt Baden-Baden rechts einen kleinen Parkplatz, gedacht vermutlich für ein paar Kurzparker, um sich in den Büschen zu ergehen, denn Toiletten gab es hier nicht. Das hatte nun einer spitz gekriegt und sein Betätigungsfeld hierher verlegt. Ein Mann. Etwas abartig. Aber das wusste ich natürlich nicht.
Mich selbst ineressierte hier eher der Wald. Wenn schon eine kleine Pause, dann auch gleich mal nach Pilzen schauen, und tatsächlich fand ich einen liegenden Baumstamm voller Austernseitlinge, richtig für die Jahreszeit, denn es war ja noch Ausgang des Winters. Der Wald lag an einem zur Rechten ansteigenden, lang hingestreckten Hügel, und als ich einen pilzprüfenden Blick in die Runde warf, sah ich oberhalb einen Mann auf einem altmodischen Fahrrad wie ein Wilder dahergebraust kommen. Parallell zum Hang fahrend trat er mächtig in die Pedale, als wenn's wo brennt. Die alte Mühle schepperte und klepperte, und ich dachte, jetzt gibt es gleich einen Unfall. Aber es kam viel schlimmer. Als er auf meiner Höhe angekommen war, liess er das Fahrrad einfach gegen den Berg fallen, riss sich die Hose auf und holte das Herrengewächs ans Freie. Mein Gott, dachte ich, das war aber dringend. Als er mir aber damit winkte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich wollte wegrennen, denn er stieg nun auch noch stielschwenkend bergab auf mich zu.
Nein Frau Dähncke, sagte ich mir unter grösster Kraftaufwendung, beherrsche dich, du willst doch nicht dein Gesicht verlieren, du gehst jetzt ganz ruhig und schön gemächlich, damit er sieht, du hast weder Angst, noch lässt du dich von seinem komischen Gehabe beeindrucken. Tu so, als wäre das ganz normal und nicht des Bemerkens wert. Der Geist war willig, aber ich konnte nicht ganz verhindern, dass meine Schritte etwas schneller wurden, bin ja auch nur ein Mensch. Ihm ging es genau so, war ja auch nur ein Mensch mit bestimmten Vorstellungen, die er irgendwie realisieren wollte, ging auch etwas schneller und kam mir schon ziemlich nahe. Zum Glück sah ich dann bald mein Auto. Es verliessen mich alle guten Vorsätze, und ich rannte davon. Sollte doch dieser Mensch von mir denken, was er wollte. Gesicht hin, Gesicht her. Sicherheit ist sicherer, vergiss den Stolz und die vornehme Überheblichkeit, renne.
Er hatte jedenfalls seinen schönen Erfolg gehabt, falls das sein Hobby war: er hatte mich höllisch erschreckt und letztlich in Panik versetzt. Schnell stürzte ich ins Auto und brauste davon. Da sah ich etwa 100 m weiter das Autobahn-Streckentelephon. Ich hob den Hörer ab, immer mit dem Blick auf den Waldrand, um bei Erscheinen des Mannes schnell wieder ins Auto zu springen. Zum Glück kam er nicht. Auf der anderen Seite wurde abgehoben, es meldete sich ganz richtig die Streckenwache Baden-Baden, und aus mir - immer noch adrenalingeladen und geschockt - sprudelte es nur so heraus: "Sie müssen sofort kommen und einen Sittenstrolch festnehmen, der mich verfolgt hat, hier im Wald, er ist mit dem Fahrrad da, machen sie schnell, vielleicht ist er gefährlich...."
An dieser Stelle ging mir die Puste aus, was mein Zuhörer dazu benutzte, mich zu unterbrechen. Er liess ein krächzendes, boshaft-belustigtes Lachen entweichen und sagte erstaunt: "Ah, ist er jetzt schon da, der kommt doch sonst erst im Sommer."