IQ eines Autoreifens

Glauben Sie mir, der Intelligenzquotient eines Autoreifens ist wirklich erstrebenswert. Er ist viel höher als landläufig angenommen. Jedenfalls war er höher als meiner, als ich die Erfahrung mit ihm machte. Und das frustriert.

Das Ganze hängt mit meinem Auto zusammen. Ein tolles Auto! Ich habe es noch nicht lange und kenne bisher erst einen sehr kleinen Teil seiner immensen Funktionen. Trotzdem traue ich mich schon überall damit hin, wo kein Anderer je mit seinem Auto gewesen ist, und wo sonst auch niemand fahren darf ausser Medio Ambiente, unserer Umweltbehörde. Da ich dieser aber pilzlich immer willig zur Hand gehe, gehöre ich dazu und darf. So komme ich nun mit dem neuen Auto überall hin, manchmal auch ein wenig vom rechten Wege ab.

Diesmal hatte ich mir eine Gebirgspiste bis 2300 m ü.M. ausgesucht. Kurven, Kurven, Kurven. Fast unbefahrbar geröllig-steinig, mit tiefen Auswaschungen, Erdrutschen von der Bergseite her, grobem Steinschlag und grossen Vulkanbrocken als ständige Hindernisse, die irgendwie umfahren werden mussten. Ein Stück der Strecke war mehr einer Bobbahn ähnlich als einem Fahrweg. Immer bergauf, bergauf. Aber ich, stolz auf meinen Mut und Unternehmungsgeist, schaffte das natürlich alles. Vielleicht war das gewagte Unternehmen aber schon das Anzeichen für minderen IQ, denn ein Intelligenterer würde diese Fahrt erst gar nicht unternommen haben. Da hatten natürlich die Pilze schuld, denn ich wollte zu gerne die Arten dieser Höhen- und Klimalage ergründen (ich fand auch welche). Auf dieser abenteuerlichen, viele Kilometer langen Piste traf ich keinen Menschen, ich war mutterseelenallein. Und das war gut so, denn plötzlich bemerkte ich am Armaturenbrett eine kleine rote Leuchte, die mir bestimmt einen Schreck eingejagt hätte, wenn es einen Zweck gehabt hätte. Hatte es aber nicht. Hier war niemand, der mir in einem schlimmen Falle helfen konnte, und das Handy hatte hier keine Deckung. Ist das nicht himmlisch, dass es auf der Welt noch ein Fleckchen gibt ohne Handydeckung?! Sogar in meinem Haus habe ich fast keine, und man muss schon aufs Dach steigen, wenn man sich in eine vorbeiirrende Welle einschleichen möchte. Also, dachte ich, wenn es was Schlimmes ist, bist du sowieso verloren, und wenn es nur ein kleiner Defekt ist, überlebst du es vielleicht. Die ABBA vom Sechs-CD-Wechsler unter meinem Fahrersitz sangen unerschrocken weiter 'Fernandooo'. Das machte mir Hoffnung. Auf der roten Leuchte sah ich vier pfeilähnliche Striche mit kopfigem Haken. Ohne Lesebrille konnte ich das nicht so genau erkennen. Aber plötzlich wurde ich erleuchtet: mein Wagen ist eben sensationell! Er ist nicht nur mit einem stromlinienförmigen, an den Motor angeschlossenen Kühlschrank ausgestattet, der bei jeder Hitze gekühlte Getränke und ein erfrischendes Picknick bereit hält, sondern er stellt auch den zusäzlichen Antrieb der vier Räder selbständig und unbemerkt an, wenn er es für nötig hält. Das wird es sein, sagte ich mir, diese vier Zeichen sollen sicher die vier Räder darstellen, im Profil, oder Halbprofil, oder überhaupt. Das war mir sehr lieb, denn bisher hatte ich damit noch keine Erfahrung. Und so fuhr ich mit geballter Kraft immer weiter, immer höher, immer unwegsamer. Später das Gleiche wieder bergab, und die vier Räderzeichen blieben treu im Visier. Sehr tröstend. Auch hinab waren die Kilometer nicht weniger geworden, die Kurven auch nicht, und ich fuhr und fuhr. Die Hindernisse waren noch die gleichen, schwierig zu passieren, aber dazu hatte ich ja den tollen Wagen. Letztlich der Pilze wegen! Um sie auch in unwegsamem Gelände zu erforschen.

Aber - was ist jetzt los??? Plötzlich ist die rote Lampe aus! Die Räder sind weg!! Was das nun soll. Die Piste war genau so ruppig wie vor- und nachher. Nach eigenem Gefühl hatte sich die Zusatzkraft weggestellt. Ich erlaubte mir, den Blick einmal vom Weg zu erheben und mehr voraus schweifen zu lassen, und da sah ich doch tatsächlich in einer Entfernung von etwa 200 Metern durch den lichten Kiefernwald hindurch ein kleines Stück der Teerstrasse, von der ich vorher abgezweigt war. Also hatten die Räder es geahnt mit hoch entwickelter Intuition, dass wir uns der Strasse nähern, oder mit einem präzisen Gedächtnis für die Kilometerzahl der Piste und entschieden sich: ‘nun haben wir es bald hinter uns; wir können schon mal abschalten'.

Was sagen Sie nun? Ist das ein bemerkenswerter IQ? Oder nicht?

Mein Auto heisst Scénic RX 4 und ist von RENAULT. Sollten Sie sich auch kaufen.

Nachtrag
Ein Jahr später. Peinlich.

Ich fühle mich Ihnen gegenüber, die Sie vielleicht auf mein Anraten dieses tolle Auto gekauft haben, verantwortlich und muss Sie nun leider auf eine kleine Schwäche hinweisen: das Vorderteil kann abfallen, einfach so.

Mir passierte das an einem Sonntag, als ich auf der asphaltierten Strasse durch unser Dorf fuhr. In der Kurve knallte vorne etwas auf die Fahrbahn und gab dann rhytmische polternde Aufschläge von sich. Die drei mir gerade entgegenkommenden Autos rissen entsetzt die Augen auf und sprangen beiseite. Ein Fahrer zeigte noch geistesgegewärtig auf mein Auto. Zum Glück hatte ich die Möglichkeit, hier ohne Gefahr für andere auf der Stelle zu bremsen und auf unseren Dorfplatz auszuweichen, der ohne Kantstein am Wege liegt.

Da sah ich nun die Bescherung: das ganze Vorderteil, das noch vor der angeblichen Stossstange angebracht ist, war abgeklappt und hing wohl noch an einem kleinen Scharnierchen o.ä., denn es fiel nicht ganz ab, stiess aber auf die Erde auf. Mit meinem geringen technischen Verstand begriff ich trotzdem, dass das Befestigungssystem kaum länger als ein Jahr halten konnte. Die ganze Vorderteilklappe war mit drei kleinen Plastikdübeln in drei einfache Löcher in einer Plastikverkleidung eingelassen. Ein Dübel fehlte ganz, einer war kaputt, und der dritte hatte wohl keine Lust mehr; kann man ihm nicht verdenken. Um wieder nach Hause zu kommen, musste ich das Teil nun irgendwie befestigen, mit Draht oder Strick, aber am Auto selbst war nichts, um es festzubinden. Also mit voller Kraft Vorderteil anheben, Knie drunter, festhalten, Loch suchen und mit dem einzigen Dübel einrasten. Das Ding war schwer, denn es war nicht nur das Nummernschild daran befestigt, nein, das war das wenigste, es war neben etlichem Gestänge auch ein grobes Gitternetz aus Plastik eingebaut. Das ist bei Geländewagen wohl dafür vorgesehen, um eventuelle Kühe davon abzuhalten, direkt in den Motor zu gelangen und dort alles zu verstopfen.

Am nächsten Tag auf der Fahrt in die Werkstatt stieg ich immer wieder aus, um die Lage zu inspizieren, und trat auch mal mit dem Fuss zu. Der junge Mechaniker war sehr nett und interessiert, so etwas hatten sie (angeblich) noch nie. Nach zwei Stunden konnte ich den Wagen wieder in Empfang nehmen. Freudestrahlend teilte er mir mit, man hätte nun eine grössere Schraube genommen und die Dübel wieder ersetzt. Nun sollte es wohl halten.

Mir wäre es viel lieber gewesen, sie hätten alles auf Nummer Sicher fest angeschweisst, und meine Begeisterung war nicht gross. Er sah mir wohl Zweifel an und wollte mich gerne mehr in Sicherheit gewogen sehen. “Wissen Sie” sagte er, “man kann das natürlich auch noch auf andere Weise unterstützen: Sie müssen einfach schneller fahren, ganz schnell fahren!” Er stellte sich seitlich zum Vorderteil des Autos, ging etwas in die Hocke, streckte den Arm vor und spreizte alle Finger ab, blähte die Hand förmlich auf. Und damit machte er dann - wummm! -, schöpfte die Luft und schmiss sie gegen das Auto. “Sehen Sie, so...wummm- wummm” und zweimal knallte er die Luft gegen das Auto, “so kommt der Wind, wummm!, dieser Fahrtwind angeflogen, wenn Sie schnell fahren. Und je schneller Sie fahren, wummm-wummm-, desto mehr drückt dieser Wind gegen das Auto, und dann fällt das Vorderteil nicht mehr so leicht ab”.

In meinem Blick sah er wohl immer noch keine völlige Überzeugung. Konnte er auch nicht, denn ich dachte immer nur an E-wie Emil, und deshalb wohl setzte er noch hinzu “wenn jetzt etwas abfällt, ist es wohl eher ein Rad als das Vorderteil”.

Mein Rat: fahren Sie ganz, ganz schnell, damit das Vorderteil nicht abfällt und passen Sie gut auf, wenn dann das Rad abfällt.