Vielen, vielen Dank - Herr Gangster
Es ging alles sehr schnell. Am helllichten Tage, um 12 Uhr mittags. In Spanien, in der Nähe von Gerona.
Ich hatte einen Augenblick am Rande einer Hauptverkehrs-Landstrasse geparkt und war wieder startbereit, als ein jüngeres Pärchen mit Gewalt in mein Auto einbrach, und der Mann mir drohte, mir die Kehle durchzuschneiden, wenn ich schreien würde, auf spanisch, und ich verstand es leider genau. Also sagte ich gar nichts und liess mich willig - wenn auch brutal und schmerzhaft - zu Boden stossen. In meinem VW-Bus war viel Platz dafür, und ich war nun von draussen nicht mehr zu sehen. Man räumte alles aus, was ich für eine 8-wöchige Spanien-Pilzreise mit mir führte, klar die wertvolle Fotoausrüstung, Musikgeräte, Arbeitsleuchte und auch den praktischen elektrischen Dörrex-Pilztrockner, aber auch Reservebett für eventuelle schlechte Hotelunterkunft, Heizkissen, ja sogar die Wald- und Regenkleidung, die über die Sitzlehne gelegt war.
Autos fuhren vorbei, aber niemand nahm Anstoss daran, dass aus einem Auto in ein anderes umgeladen wurde. Die Übeltäter verschwanden eiligst, und nun erst begannen meine Probleme richtig: da stand ich auf der Landstrasse, ganz alleine, Auto leer, ein Reifen aufgeschnitten, Zündschlüssel entführt. Die Autos, die schliesslich auf mein Gestikulieren anhielten, öffneten nur einen Finger breit das Fenster, weil sie befürchteten, ich könnte einen Überfall auf sie unternehmen. Endlich wurde die Polizei verständigt und kam nicht sehr schnell und war auch nicht sonderlich interessiert. Es war reine Routine, man war an so etwas gewöhnt. Wenigstens nahm man mich mit bis an die Mittelmeerküste, mein letztes Reiseziel.
Mein Auto ging per Abschleppwagen in die Werkstatt in einem abgelegenen Dorf. Ich brauchte einen neuen Reifen und alle Schlösser gewechselt, es wurde schön teuer.
Vom Hotelbesitzer, der mich aus früheren Aufenthalten kannte, lieh ich mir 5000 Peseten für den ersten dringenden Einkauf: eine Zahnbürste, einen Kamm, Pyjama, Lippenstift. Ich war ja so zu sagen nackt und ohne alles.
Zwei Tage ging ich spazieren, weil ich kein Auto hatte. Fast hätte ich es nie wiederbekommen, denn ich konnte die Reparatur ja nicht bezahlen ohne Geld. Man sah ein, dass ich ohne Auto aber auch nicht zur entfernten Bankfiliale und an mein Geld kommen konnte. Also gab man es mir in treuem Glauben an meine Ehrlichkeit.
Auf der Bank weigerte man sich strikt, mir Geld zu geben, da ich mein Konto telefonisch selbst hatte sperren lassen, weil die Räuber auch mein Scheckbuch mit 20 nagelneuen Schecks in die Hände bekommen hatten. Das wurde sogar begleitet von einem Schreiben des Bankdirektors von La Palma, in dem er ersuchte, diese gute Kundin besonders vorzüglich zu bedienen. Und nun kämpfte ich mit zwei unverständigen Bankangestellten, die mich einfach abzuschieben versuchten. Da drohte ich ziemlich aufgebracht dem Direktorähnlichen mit der Polizei, und siehe da, schon hörte er mir zu, und wir fanden einen Weg. Ich liess ihn meinen Heimatbankdirektor anrufen, der erkannte meine Stimme ganz richtig und schickte hilfreich eine Nachricht durch den Computer, wonach die Auszahlung sofort klappte, in jeder gewünschten Höhe. Nun hatte ich, wenn auch sonst nichts weiter, doch wenigstens Geld.
Dringend brauchte ich die beiden entwendeten Medikamente, die ich täglich nehme, aber den legalen Weg über einen Arzt konnte ich nicht gehen, da ich nun auch keinen Gesundheitspass mehr hatte. Mein Cholesterin stieg sicher, und die Kopfschmerzen hielten sich nicht in Grenzen. Es gab viele Schwierigkeiten, Lauferei und Unkosten, bis ich wieder eine Tablette schlucken konnte.
Meine Brille fehlte mir sehr, ich konnte nun weder lesen noch schreiben. Und ohne mein Daunenkopfkissen konnte ich auch kaum schlafen.
Was sie wohl mit meinen Flugtickets machen? Sie werden mich doch wohl nicht in La Palma besuchen kommen, um sie nicht verfallen zu lassen?! Und mein Führerschein -, und meine spanische Aufenthaltsgenehmigung -, der Reisepass -, vielleicht beschert mir der Diebstahl noch Folgeklagen, wenn man nun in meinem Namen herumgangstert.
Die Verschiffung meines Autos schien unmöglich, keine Autopapiere, Zolleinfuhrgenehmigung weg, wie soll da die Ausfuhr durchgeführt werden können, Besitzerin kann sich nicht ausweisen. Es ging schliesslich alles nur auf der Basis des guten Willens der Behörden.
Zu Hause angekommen stellte ich fest, dass ich keine Telefonlinie hatte. Die Bank hatte die letzte Rechnung nicht bezahlt, weil ich mein Konto ja gesperrt hatte. Ebenso erging es mir mit der sonst aus dem Konto abgebuchten Haussteuer, die ich nun mit 20% Verzugsstrafe begleichen musste.
Teuer zu stehen kam die nächste TÜV-Autoinspektion. Die Anfertigung der Kopie des Kraftfahrzeugbriefes kostete ungefähr nur DM 100,-, aber da ich hinten einen neuen Reifen hatte (den in Spanien eingesetzten), der nicht zu dem anderen, ebenfalls fast neuen passte, musste ich zwei Reifen gleichen Fabrikats kaufen und konnte die anderen wegwerfen. Wie oft wurde ich auf solch nette Weise an den Überfall erinnert.
Nun ja, das zählt ja alles fast gar nicht, denn ich hatte noch ein riesiges Glück gehabt, wofür ich den Räubern von ganzem Herzen dankbar bin: als ich mich nach dem schnellen aber totalen Raub vom Boden meines Autos erhoben hatte, sah ich in ihren Händen gerade noch meinen mittelgrossen braunen Lederkoffer, und entsetzt begriff ich, dass das überhaupt das wichtigste Stück war, denn darin befand sich das gesamte Pilztrockenmaterial von etwa 120 neu gefundenen Arten, Ausbeute meiner 8-wöchigen Reise. Ohne dieses hätte ich keinen der Pilze bestimmen und dokumentieren können, und die ganze Reise wäre umsonst gewesen. Da flehte ich die Räuber an, mir doch wenigstens diesen einen Koffer zu lassen, der für sie überhaupt keinen Wert hatte. Sie guckten rein, schüttelten den Kopf, und liessen ihn mir. Vielen, vielen Dank - Herr Gangster!
Die dazugehörigen 40 Filme befanden sich zum Glück schon im Labor in Barcelona zum Entwickeln und konnten somit nicht gestohlen werden, und so kann ich doch sagen, dass die diesjährige Pilzreise wieder ein voller Erfolg gewesen ist.