Apropos schiessen, ich war seit meiner Jugend eine gute Schützin und nahm manche Trophäe mit nach Hause. Das war besonders in der Kriegszeit sehr nützlich. So besass ich schon mit 18 ein als ersten Preis erschossenes Likörservice, als ich noch gar nicht wusste, was Likör ist, weil ich noch zu jung war und es ausserdem keinen gab. Es nützte mir aber dann später nichts mehr, da ich es nicht mitnehmen konnte auf der Flucht vor den Russen.
Aber das nur als Einleitung auf die Tatsache, dass ich eine Zeit lang mit auf die Jagd ging. Ein alter Jäger von über 70 Jahren, Pächter eines schönen Reviers in der Nähe von Lübeck, gab mir dazu Gelegenheit. Ich war so um die 30 herum und büsste bald so manche Illusion ein hinsichtlich sagenhafter Jagd, geselliger Zeremonien, feierlichem Verblasen der Strecke usw., nichts war so wie im Film. Ich ging zwar zünftig gekleidet, olivgrünes Kostüm, olivgrüner Lodenmantel, schick nach der neuesten Mode, Jägerhütchen mit Feder vom echten Specht, aber das war auch alles. Da wurde einem kein Zweiglein ins Knopfloch gesteckt, kein Zielwässerchen angeboten, nicht einmal Waidmannsheil gewünscht. Natürlich kam auch kein junger Graf vorbei, nein, nur mein alter Waidmann.
Es wurde auch nicht viel geschossen. Viel mehr Zeit verbrachten wir mit dem Ansitzen, ziemlich unbequem auf dem entsprechenden Sitzstock. Da warteten wir schweigend und ohne jegliche Bewegung auf den 5-Uhr-Bock an seinem bevorzugtem Platz auf der kleinen Lichtung. Ich schwärmte damals schon für die Pilze und hielt von meinem niedrigen Sitz heimlich aus dem Augenwinkel nach allen Seiten Ausschau, ob ich etwas entdeckte, das ich später dann alleine noch einsammeln konnte. Rehkeule mit Pilzen und Preiselbeeren ist schliesslich keine schlechte Kombination. Aus dieser erdnahen Stellung erspähte ich zwischen Moosen und Gräsern sogar die Kleinpilze, die mich für intensives Studium besonders interessierten. Schliesslich beobachteten wir auch den Achtzehnuhrdreissig-Bock, der manchmal von Frau und Kind begleitet wurde, und dann sagte der Alte "na, es ist ja alles noch ganz in Ordnung".
Ich fand das überhaupt nicht. Das "Je-länger-je-lieber" blühte über und über in der Hecke und verströmte seinen betörenden Duft, dem das Erwachen sehnsüchtiger Gefühle nicht widerstehen konnte. Das war gar nicht in Ordnung, denn immer noch kam kein Graf vorbei.
Nur manchmal ging ein jüngerer Trottel mit, der stets daneben schoss, obwohl ihm der Alte bei jedem Entenschwarm wiederholte "mitgehen, vorhalten, abdrücken". Bei dem hatten die Fasane und Enten immer Glück und konnten noch ein bisschen überleben.
Aber wenn der Alte schoss, dann holte er mit einem Doppelschuss wirklich auch zwei Enten vom Himmel. Und nobel war er in seinem edlen Waidwerk. Blieb ein überraschtes Häschen nichtsahnend vor unseren Füssen sitzen, so schoss er nicht etwa darauf sondern nahm seinen Hut ab und warf damit nach dem Tier. Erst wenn es aufgescheucht und weit auf der Flucht war, dann zielte er darauf oder auch mal daneben. Durch seine Fairness ist manches Häschen noch einmal davon gekommen.
Meine Arbeit war, dem alten Herrn das Zweitgewehr zu tragen, und ab und zu überreichte er mir einen angeschossenen Fasan, dem ich meinen kräftigen Daumennagel am Hinterkopf tief eindrücken musste, auf dass der endgültige Tod eintrete. Das fiel mir nicht leicht, aber ich sagte mir, stell dich nicht so an, sei ein ganzer Mann, wer das Eine will, muss das Andere mit in Kauf nehmen. Ich durfte auch den toten Kaninchen die Blase leermassieren, auf dass kein Urin darin verbleibe. Und bei jedem dritten Baum musste ich auch das Erstgewehr halten, denn der Alte hatte eine äusserst protestierende Prostata. Auch da sagte ich mir wieder, sei keine Zimperliese, dreh dich um und tue so, als wär nichts. So etwas sieht man nie im Film, so ist eben nur die rauhe Wirklichkeit.
Dann wurde auch einmal ein Rehbock geschossen. Nach langem Ansitzen versteht
sich und Warten auf die beste Position, aber die Mühe dann auch mit einem
sauberen Blattschuss belohnt. Der Waidmann legte den Bock auf den Rücken,
spreizte ihm die Hinterbeine und schnitt das Geschlechtsteil heraus. Das warf
er einfach rücklings in den Wald. Das Thema war mir peinlich, und so fragte
ich nicht, weshalb er das machte. Ich hätte aber doch fragen sollen, denn
lange noch quälte mich die Neugier über dieses Vorgehen, und ich weiss
es bis heute nicht.
Als ich meine Mutter dann zur Rehkeule einlud, mit Pilzen und Preiselbeeren natürlich, erzählte ich auch ein bisschen von meinen Pirschgängen und auch die Sache mit dem Rehbock. Ein paar Tage später rief sie mich an: "du, ich möchte heute nachmittag meinem Skatklub die Geschichte mit dem Rehbock erzählen; sage mir doch mal schnell, hat er dieses Teilstück nun über die linke Schulter geworfen oder über die rechte?"