Auch das Finden ist nicht mehr das, was es einmal war

Ich finde gern.

Welch Freude, wenn man etwas liegen sieht, das man gut gebrauchen kann. Mögen hunderte daran vorbeigegangen sein, ohne dass das Ding für sie den geringsten Wert gehabt hätte, so kann es doch für den anderen durchaus wertvoll sein oder wenigstens zu schade, es liegen zu lassen. Nicht, dass ich etwa alles aufhebe oder gar suchenden Auges umherschleiche, nein keinesfalls, ich bin sehr wählerisch und überlasse es andererseits dem Zufall, mir das eine oder andere in den Weg zu legen.

Aber - leider ist Finden heute so gefährlich, dass man sehr kritisch prüfen muss, ob es sich auch nicht um eine verkappte Bombe handelt.

So machte ich die Sonntagsrunde durch meinen Hauswald nach eventuellem Pilzvorkommen Ausschau haltend und sah am Wegesrand eine verschlossene Schachtel liegen. Sie war von TUPPER, dem teuersten Plastik-Qualitätsartikel-Hersteller. Nicht von ungefähr lag sie dort, denn dieser Wald ist ein Grill- und Erholungsplatz, und sie enthielt einen Rest Tomatenketchup. Wahrscheinlich hatte so ein junges, bequemes Frauchen nicht die Lust, den Rest mit nach Hause zu nehmen und die Schachtel auszuwaschen, Wegwerfen ist viel einfacher.

Aber konnte es sich nicht auch um eine kleine Bombe handeln?

Am Rand Übergelaufenes sah aus wie Tomatensauce und roch auf kurze Entfernung wie Tomatensauce, aber war das vielleicht der Trick einer Tomatensauce-Flüssigbombe? Ich traute dem Frieden nicht, und hob die Schachtel auch nicht etwa auf sondern machte erst einmal meine Runde. Da hatte ich genug Zeit, um über die Sache nachzudenken. Die Schachtel kam mir gut zupass, da ich gerade dabei war, Pilztrockenmaterial an verschiedene Spezialisten zu verschicken, da brauchte man viele passende Behälter. Andererseits wollte ich aber auch nicht in die Luft fliegen.

Am Ende der Runde musste ich wieder daran vorbei und überwand mich nun, Bombe hin - Bombe her, sie doch mitzunehmen. Im Auto legte ich sie sehr weit entfernt von mir und versenkte sie zu Hause angekommen sofort in einen Eimer mit Wasser. Ein paar abwegige Gedanken glaubten wohl so an einen geminderten Effekt für den Fall einer Explosion. Nach einigen Stunden redete ich mir gut zu und öffnete die Schachtel unter Wasser und kam mir reichlich dumm vor und war froh, dass niemand davon wusste.

Es war natürlich Tomatensauce, und die Schachtel war sehr schön.

In Spanien, in "meinen Pilzwäldern" ereignete sich das nächste Finden: ein Taschenmesser, in netter Perlmutter-Imitation, immer gut zu gebrauchen für einen Pilzsammler. Eifrig stürzte ich darauf zu, um mich in letzter Sekunde zurückzuhalten. Mein Gott! Wie konnte ich nur! Wir waren hier in der Nähe von Bilbao, und ich so naiv! Gerade hier hatte man getarnte Bücherbomben ausgelegt und hundsgemein gefüllte Brieftaschen. So mancher hatte einen Arm, ein Bein verloren oder auch das Leben. Und ich wollte ein Taschenmesser aufheben!

Da stand ich nun erstmal und ging auch ein paar Schritte zurück, der Gefahr aus dem Wege. Dann schlich ich mich wieder etwas heran, um das Objekt näher zu betrachten: es sah aus wie ein Taschenmesser, die Kanten ganz leicht angerostet, aber gerade das konnte ja der Trick sein, es echter aussehen zu lassen. Nein, darauf fiel ich nicht herein.

Aber nett war das Messerchen.

Wie weit wohl eine so kleine Bombe wirken würde? Weiter als 1 Meter? Oder l l/2 Meter? So suchte ich mir einen passenden Stock, und aus sicherer Entfernung schob ich das Messerchen ein wenig hin und her, schlug auch mal drauf, aber es wollte nicht explodieren. Da entdeckte ich an einer Seite eine kleine Öse, wohl um es am Gürtel zu tragen oder es irgendwo aufzuhängen. Das gab mir die Idee ein, es mit meinem Stock zu angeln. Es war nicht etwa einfach und kostete mich viel Geduld, Fehlschläge, ein bisschen Angst und sehr viele Nerven, aber zum Schluss hatte ich es, dieses Messerchen, balanzierte es auf der Stockspitze und warf es mit Schwung ein paar Meter weit weg. Es explodierte nicht.

Da ging ich hin und hob es auf, und wissen Sie, was es war? Ein Taschenmesser, zweischneidig, recht gut erhalten und durchaus brauchbar. Sogar der Rost ging wieder ab, und jetzt erinnert es mich jedesmal an den blöden Spruch: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.