Fein oder nicht fein, das ist hier die Frage
Meine Grossmutter, die Rittergutsherrin, war eine Dame und sehr fein. Sie ging zum Pilzesammeln mit den Mägden in den Wald, trug Seidenhandschuhe und vielleicht noch ein kleines Stöckchen zwischen den arbeitsungewohnten Fingerchen, womit sie auf die zu sammelnden Pilze zeigte oder gegebenfalls einer faulen Magd auf das Hinterteil tippte. Na gut, das war vielleicht fein, damals, auch darüber könnte man nachdenken, aber von ihr will ich jetzt nicht erzählen, sondern von einer Dame, die noch viel feiner war und uns alle fast in Verlegenheit brachte.
Es gibt einen Pilz, der heisst Scheidenstreifling. Sein Name ist weder besonders eigenartig noch gar unanständig, vielmehr lässt er sich leicht und logisch begründen: seine Stielbasis ist von einer abstehenden Hülle umgeben, in der Pilzsprache Scheide, und sein Hutrand ist von der Mitte her fein gerieft oder gestreift. Also alles klar. Scheidenstreifling.
In meiner Pilzschule hatte ich eine Kursteilnehmerin, die sagte immer ‘Seidenstreifling' mit der Begründung, sie sei fein und würde das andere Wort, diese unmögliche Bezeichnung, nicht über die Lippen bringen, niemals, unter keinen Umständen.
Nun mussten wir alle erst einmal darüber nachdenken: welche Vorstellung hatte denn diese Dame von dem ‘Scheidenstreifling', die den seit Ewigkeit bestehenden Namen für sie unaussprechlich machte??? Bei den einen ging es etwas schneller, bei den anderen langsamer. Wir knobelten noch, woran dachte sie denn bei dem Wort ‘Scheidenstreifling'? Aha, etwa an das, an das zu denken sie mich nun auch zwang? Und auch Sie, unschuldiger Leser. Das ist doch allerhand. Tut das eine anständige Frau? Macht das die Dame feiner? Sollte man nicht eher entrüstet sein? Oder sie gar für etwas pervers halten mit so schmutzigen Gedanken?
Es gab Grinsen bei den Herren und auch bei einigen unkomplizierten weiblichen Teilnehmerinnen, aber auch zarte Röte und Peinlichkeit bei den Sensiblen. Eine feine Dame das!
Mir selbst zwang sich ungewollt der Gedanke auf: ist es nun schlimmer, wenn das von der Dame in die Welt gerufene Streiflings-Dingsda ein Scheiden-Dingsda streift, oder ist es hingegen feiner und auch für sie ungehemmt aussprechbar, wenn dieser Streifling die Seide streift? (Worunter ich mir in der dunkelsten Ecke eines Warenlagers einen Stoffballen vorstellte, etwa ein bis eineinhalb Meter der Seide abgewickelt, mit weichem Fall aber schön füllig in den Händen, etwas glänzend, nur über die Farbe war ich mir noch nicht im klaren. Ich dachte an hellblau. "Nein, Mama, bestimmt fleischfarben" sagte meine Tochter. Igitt.) Und daran nun rumzustreifen, wie finde ich das. Und was sagen Sie dazu?
So im nachhinein halte ich die uns von der feinen Kursteilnehmerin aufgezwungenen imaginären Vorstellungen unserer eigentlich nicht für würdig, recht schmutzig, ja sogar strafrechtlich verfolgungsbedürftig. Das ist doch Verschmutzung des Gedankengutes braver Pilzsammler.
Der Scheidenstreifling ist ein schöner Pilz, und sogar e s s b a r .
Nun fangen Sie bloss nicht an, sich auch noch zu Überlegungen anregen zu lassen, wie die Dame zu diesem neuen Aspekt eingestellt sein könnte. Damit muss sie nun wirklich alleine fertig werden. Ich kenne sie ja persönlich und glaube, sie kriegt das Kotzen.