ich freue mich, dass Ihnen mein Pilzfotobuch gefällt, denn ich gebe mir immer viel Mühe mit meinen Veröffentlichungen und möchte gerne, dass der Leser damit glücklich ist. Ich finde es auch toll, dass Sie sich so intensiv mit dem Inhalt beschäftigen und Fragen dazu haben.
Ja, bei den Inocyben haben Sie mich hinsichtlich des Geruchs voll erwischt, das war schon immer meine schwache Seite, um nicht zu sagen sogar peinliche Seite. Wie Sie schreiben, können Sie sich unter der Geruchsangabe ‘inocybig’ nichts vorstellen, finden das Wort nicht im Wörterbuch, und auch aus mykologischen Kreisen kann man Ihnen nicht helfen. Daher will ich Ihnen gerne ausführlich erklären, warum ich mir die Freiheit zu dieser neuen Wortschöpfung nahm.
In der weiteren Pilzliteratur wird der Geruch der Inocyben als ‘spermatisch’ angegeben. Na gut, das Wort habe ich früher auch benutzt. Man muss ja nicht erst so viel darüber nachdenken, sondern übernimmt einfach mal gängige Bezeichnungen aus der Mykoliteratur, die übrigens fast ausschliesslich von Männern erstellt worden ist, bei weiblichen Autoren hätte die Inocybe vielleicht eher einen etwas ausgefallenen Küchengeruch bekommen.
Dann passierte es allerdings eines Tages, dass mich in meiner Pilzlehranstalt in Hornberg/Schwarzwald eine Telnehmerin fragte: “spermatisch, nach wem?” Das ist die übliche Frage, welcher Autor des Pilzes diese Angabe gemacht hat, aber welch dumme Antwort wäre es, wenn ich einfach sagen würde “nach ROMAGNESI”, dem bekannten französischen Mykologen. Ich musste erstmal gründlich überlegen, wie ich meine Antwort gestalten wollte. Unter den
30 Kursteilnehmern könnte ja ein Gewitzter weiterfragen: “sind Sie da ganz sicher?” oder “riecht der Pilz nach MOSER (grosser österreichischer Mykologe) anders?” Ich weiss ja nicht, wie Sie das in den Griff gekriegt hätten, aber mir fiel die Antwort sehr schwer, und von da an nannte ich den Geruch der Inocyben ‘inocybig’ und ging weiteren Unannehmlichkeiten aus dem Weg. Mit dieser neuen Wortschöpfung muss man sich nun abfinden, und sollte sie vielleicht doch in die entsprechenden Wörterbücher, wo Sie dieses Wort vergeblich gesucht haben, aufnehmen. Das würde uns die Geruchsbeschreibung sehr erleichtern, denn wollte man der jeweiligen Inocybe immer ihre individuelle Spermanote geben, müsste man sich da ja erst einmal richtig enriechen, und Sie sagen selbst ‘die Inocyben riechen alle verschieden’, wie wollte man da wohl jeden spezifischen Spermageruch zuordnen? Ich stelle mir das sehr schwierig vor. Was mich wundert ist, dass Ihr befreundeter Mykologe Ihnen nicht weiterhelfen konnte.
Wenn Sie nun, wie Sie sagen, ‘sehr gerne mit dem Geruch als zusätzliches Merkmal arbeiten’, werden Sie bei den Inocyben wegen des Ursprungsgeruchs vielleicht einige Probleme, aber auf jeden Fall ein breites Arbeitsfeld haben. Aber sagen Sie bloss nicht - so wie Sie es empfinden - dieses ‘spermatisch’ könnte man auch als widerlich bezeichnen, dann würden Sie sich vor Protestschreiben - männlichen Ursprungs - bestimmt nicht retten können. Man würde Ihren Geruchssinn anzweifeln oder Ihnen gar Geruchsproben erster Güte anbieten, die Männerwelt kann da sehr böse werden.
Aber ich kann Sie trösten, bei den wenigen Inocyben, wo der Geruch als Erkennungsmerkmal dienen kann, ist er von mir immer richtig angegeben, z.B. Waschküche, Bittermandel, Blütenduft etc., da können Sie sicher sein. Ich hoffe nun, Sie sind mit meinen ausführlichen Angaben aufgeklärt und zufrieden und verzeihen mir, dass für mich die Inocyben ‘inocybig’ riechen.
Es grüsst Sie herzlich von La Palma R.M.D.