Beinahe tot durch Pilze
Als ich von der Stadt Hornberg berufen wurde, die dortige Pilzschau zu übernehmen und eine Lehrstätte daraus zu machen, folgte ich dem gerne und mit Begeisterung, denn es stand mir eine schöne Aufgabe bevor.
Um alles perfekt zu organisieren und bald die ersten Pilzexkursionen ansetzen zu können, brauchte ich allerdings etwas Kenntnis über die Wälder der Umgebung, Wälder, die gut begehbar waren und ausserdem einen gewissen Artenreichtum aufwiesen für die nachfolgende Fundbesprechung. Ich war am Rätseln, wie ich wohl zu dieser Kenntnis kommen könnte. Ich kannte ja niemand hier und hatte noch keine Kontakte. Aber plötzlich regelte sich das ganz von selbst. Eine jüngere kontaktfreudige Hornbergerin sprach mich an, ob sie mir in irgend etwas helfen könnte, um auf diese Weise auch gleichzeitig etwas über die Pilze dazuzulernen. Sie war aufgeweckt und unternehmungslustig, immer fröhlich und hiess Rosa (ich denke noch heute gerne an sie), und sie kannte ihre Wälder.
Na, das lief ja wunderbar an, und ich wurde gezielt mit der Umgebung bekanntgemacht. Ich fand den Schwarzwald hier herrlich, genoss die Natur, war begeistert über die vielen Pilze und hatte Freude an meiner Arbeit. Die Hornberger waren freundlich, so dass ich sie für liebe Leute hielt und auch allein im Wald nie Angst hatte.
Aber eines Tages...!! Da wäre ich dann doch fast zu Tode gekommen, wenn nicht durch das Messer, dann durch plötzlichen Herzschlag vor Angst. Rosa zeigte mir wieder einen neuen Wald; alte Fichten mit dichtem Unterwuchs von Heildelbeeren in kräftigen, fast 50 cm hohen Pflanzen. Dazwischen gab es verschiedene Täublinge in leuchtenden Farben. Ich war vertieft in das Einsammeln einiger Musterexemplare zum Fotografieren, als Rosa plötzlich zusammenbrach und am Boden lag und entsetzt, aber mit gedämpfter Stimme hervorstiess: “runter, schnell! Los runter!”. Bei mir ging das ‘runter’ etwas langsamer, und sie stiess mich tiefer und drückte, bis auch ich flach in den Blaubeeren versteckt lag. “O-Gott” stöhnte Rosa, “jetzt ist d e r da. Dass uns das passieren muss”. Ich hatte nichts gesehen und wusste von nichts, hatte aber trotzdem Angst. Konnte ich vielleicht ein klein wenig durch die Büsche lugen, um zu sehen, was überhaupt los war? Zum Glück hatte ich eine olivgrüne Mütze auf und konnte wohl als Blaubeere durchgehen, wenn man nicht so genau hinsah. Also wagte ich es und - o Schreck - sah tatsächlich nicht weit von uns entfernt einen Mann herumlauern, schlecht angezogen, ein Messer sichtbar vor sich hinhaltend. Und das war gross. “O-Gott” konnte ich nun auch nur noch denken. Wenn das man gut geht. “Können wir nicht weglaufen” flüsterte ich fragend. “Um Gottes Willen, nein!” warnte Rosa, “auf keinen Fall”.
So lagen wir platt, atmeten kaum und hofften - hofften - hofften. Und wurden erhört, denn in einer gewissen Entfernung ging der Mörder vorbei, ohne uns zu sehen. Lange verharrten wir noch, um keinesfalls doch noch entdeckt zu werden.
Als die Luft dann endlich rein war, konnten wir wieder sprechen und ich frage Rosa, ob der Mann tatsächlich so gefährlich war und Leute im Wald umbringt. “Ach was”, sagte Rosa, “der ist nicht gefährlich, das ist ein Nachbar von mir. Der weiss, dass ich immer mit vielen Pilzen nach Hause komme, und wenn er mich hiersieht, dann weiss er doch, wo ich sie finde. Und das möchte man doch vermeiden”.